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Faust ohne Worte

(Faust Without Words)

Das Stück erzählt Goethes Geschichte auf eine einmalig emotionale Weise; ohne Worte. Tom Quaas, Schauspieler am Staatsschauspiel Dresden, Regisseur und Absolvent des „Centre National des Arts du Cirque“ hat dafür Schauspieler, Sänger, Tänzer Pantomimen und Musiker versammelt.

In seinem Traum, den „Faust“ ohne Worte zu spielen, lebt der alte Traum vom Welttheater. Im wortlosen Miteinader der Künste wird die Welt als Ganzes gezeigt. Dieses sprachfreie Bühnengesamtkunstwerk kann überall von Jung und Alt verstanden werden. Es ist europäisches Volkstheater, europäisches Welttheater.“

Reiner Ernst Ohle, Referent Schauspiel Bayer Kultur

TERMINE:

28.12.2016, 19:30 Uhr im Landestheater Eisenach

 

Zueignung

„Mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen“

Der Fauststoff erzählt wie kaum ein anderer vom menschlichen Zwiespalt zwischen dem Glauben an Gott und dem Glauben an die Wissenschaft. Seine Geschichte beschreibt nicht nur den Konflikt eines Menschen oder einer Generation. Der „Faust“

beschreibt das Lebensgefühl einer ganzen Epoche. Seine Rezeptionsgeschichte wurde mit Recht zu einer der vielseitigsten und schillerndsten, die ein europäischer Mythos je erlebt hat.

Faust, wer kennt ihn nicht? Den Verzweifelten, den nach Höherem Strebenden, den ewig Suchenden. Mensch und Übermensch, Spielball und Spielmeister. Er ist eine Identifikationsfläche für jedermann – Goethes Worte sind in aller Munde.

Goethes Worte? Ja genau.

Unzweifelhaft war es erst Goethes Sprache, die die Tragödie um den klugen Doktor so untrennbar mit der europäischen Volksseele verbunden hat. Umso überwältigender ist das Ergebnis des gewagten Experiments, den Faust ohne Worte zu spielen.

Vorspiel auf dem Theater:

„Die Sterne dürfet ihr verschwenden“

Die Idee entstand, als Tom Quaas, Erfinder und Initiator, Regisseur und geistiger Architekt dieses traumschweren Konstrukts, das Staatsschauspiel Dresden verließ, um an der renommierten französischen Hochschule „Centre National des Arts du Cirque“

Clownerie und Pantomime zu studieren. Zurück in der Heimat erfüllte er sich einen Lebenstraum.

Er sammelte Tänzer und Puppenspieler, Mimen und Sänger um sich und konfrontierte das Dresdener Publikum mit einem Theater, wie es hierzulande nur selten zu sehen ist.

Obwohl für das Vorhaben, ausgerechnet die wortgewaltigste aller deutschen Tragödien ohne Sprache auf die Bühne zu bringen, kein Pakt mit dem Teufel nötig war, entsprang diese Idee ganz sicher dem faust´schen Wollen, über Grenzen zu gehen. Landesgrenzen, Genregrenzen, aber auch über die, die mit den Worten „Sehgewohnheit“ und „Marktwert“ verbunden sind.

Nichtsdestotrotz wurde das Stück ein voller Erfolg.

7000 Zuschauer im ersten Aufführungszyklus, begeisterte Pressestimmen und finanzkräftige Unterstützer haben es ihm gedankt.

Prolog im Himmel

„Ich kann nicht hohe Worte machen“

Das Bühnengeschehen ist ein facettenreiches Sammelsurium von grotesken und komischen, poetischen und zirzensischen Theatermitteln. Die Geschichte selbst ist so monumental wie simpel. Ein allseits gebildeter Doktor (Wolfram von Bodecker) ist „zu alt um nur zu spielen“ und „zu jung um ohne Wunsch zu sein“. Er schwankt zwischen Hybris und Verzweiflung, klagt das Schicksal an und beschwört Dämonen herauf. Sein Leid ist von exemplarischer Komik. Und in einem obskuren Spiel zwischen Gott (Rainer König) und dem Teufel (Alexander Neander) gibt es für Faust nicht weniger zu verlieren als seine Seele. Während alles auf der Bühne exzessiv witzelt und tanzt und sich in clownesken Raffinessen versteigt, schreitet die altbekannte Geschichte fast unbemerkt, aber mit ungebrochener Kraft voran. Faust unterzeichnet den Pakt mit dem Teufel, mischt sich unters Volk, wird verjüngt und verliebt sich, verstrickt sich in Mord und Vergessen, versteckt sich auf Bergeshöhen und wird am Ende geläutert. Was Regie und Darstellern auf besondere Weise gelingt, ist die Verbindung von artifizieller Spielweise und einer trotzdem zutiefst menschlichen und von durchscheinender Zerbrechlichkeit geprägten Darstellung der Figuren. So ist tatsächlich kein einziges Wort nötig, um die kleinen und großen Konflikte der Figuren für die Zuschauer fühlbar zu machen. Jeder Vorgang, jeder Gedanke ist genauestens bebildert und feinsinnig interpretiert. Was auf den ersten Blick wie ein unterhaltsames Durcheinander von Form und Musik erscheinen mag, bildet bei genauerem Hinsehen ein sorgfältig komponiertes Muster, das streng im Dienste der Geschichte steht. So taucht beispielsweise der alte Faust nach der Verjüngung in der Hexenküche von Zeit zu Zeit als Puppe auf. Gretchen erblickt im Spiegel statt sich selbst Mephisto und Gott ist ein zerstreuter Clown, der in einem verzweifelten Vorspiel die Geschichte schon vorher zu verraten und vielleicht sogar zu verhindern versucht.

Die Inszenierung ist beides: klug und schön. Beinahe scheint es, als hätte Tom Quaas die Aufgabe gelöst, die Goethe im „Vorspiel auf dem Theater“ als jenes Paradoxon entlarvt, das der Theatermacherei von je her anhaftet. Der Konflikt zwischen Gefälligkeit und Kunstverstand, ausgetragen in Gestalt von Dichter und Direktor, ist bei „Faust ohne Worte“ genial gelöst. Es ist eigentlich ein Wunder, dass noch nie zuvor jemand auf die Idee gekommen ist, dem Narren zuzuhören, der des Rätsels einfache Lösung preisgibt:

„Drum seid nur brav und zeigt euch musterhaft,
Laßt Phantasie, mit allen ihren Chören,
Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,
Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören.“